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Update: 1.Febr. 2017

PsychoanalytikerInnen und PsychotherapeutInnen, die sich mit der erlebnisnahen psychoanalytischen Methode und mit den neuen Theorien der Selbstpsychologie und ihrer verschiedenen Ausrichtungen identifizieren können und die dogmatischen Anteile der Psychoanalyse, welche dem Stand moderner Forschung und des heutigen Wissens nicht mehr genügen, als überholt erkennen, finden hier ein neues Forum.

Wir vertreten eine Psychoanalyse, die ihr methodisches Repertoire laufend reflektiert und welche nicht in einem unantastbaren Elfenbeinturm stattfindet. Vielmehr erfolgt sie in systemischer Integration der gesamten Lebenszusammenhänge, und bildet eine Praxis, die hinterfragbar bleibt und autoritäre Machtansprüche von Seite der TherapeutInnen offen mitreflektiert.

Freuds Ansichten über kleine Kinder, welche er in Wirklichkeit nie beobachtete, und seine Behandlungen ("Dora", "der kleine Hans" usw.)
haben mit heutigen Therapien nur noch am Rand zu tun.

Wir vertreten eine Psychoanalyse, welche in ihren Deutungen die Intersubjektivität zwischen AnalytikerIn und AnalysandIn offenlegt, welche Deutungen nicht als entblössendes Instrument benützt, sondern sie empathisch anwendet, um in einem Kontext des Verstehens Erklärungen für unbewusste Zusammenhänge zu finden. Dazu sind die modernen Erkenntnisse von Selbstpsychologie (im Sinne von H. Kohut, J.D. Lichtenberg, E. Wolf, M.F. Basch, R. Stolorow usw.) mit jenen der modernen Säuglingsforschung (D.N. Stern, R.N. Emde, B. Cramer usw.) sowie mit den Erkenntnissen der Bindungsforschung (J. Bowlby, M. Ainsworth, M. Main usw.) ebenso wie die neuere Mentalisierungs-Theorie von Fonagy et al. integral zu verknüpfen.
Die daraus entstandene "neue Psychoanalyse" (Begriff von E. Bartosch, 1999) hat bisher in der Schweiz nur bei internen Anlässen Beachtung, aber noch kaum ein öffentliches Forum gefunden. Dies erachten wir als Aufgabe einer noch zu gründenden Schweizerischen Vereinigung der relationalen Selbstpsychologen. Sie sind hier angesprochen.


Eine neue Psychoanalyse
Die psychoanalytische Richtung, die durch Heinz Kohut und seine Schüler praktiziert wird, basiert auf Vorläufern wie C.G. Jung, Sandor Ferenczi, Michael Balint, Ian Suttie, W.R.D. Fairbairn, H. Guntrip, D.W. Winnicott und anderen Psychoanalytikern, die eigentlich nie zum Mainstream der Psychoanalyse gehörten, aber doch immer auf genügende Resonanz bei den auf Freud oder Hartmann basierenden Theoretikern stiessen.
Mit diesen Namen wird teilweise der theoretische Rahmen der Integrativen Selbstpsychologie abgesteckt, den ich in den letzten 25 Jahren mit der Konstituierung einer Psychoanalytischen Imaginations-Therapie entwickelt habe. Des weiteren verbinde ich diese Arbeit mit kritischen Hintergrundtheorien wie jene der kritischen Theorie (Horkheimer, Adorno, Habermas u.a.) sowie von Alfred Lorenzer, Erich Fromm, Arno Gruen u.a., und verknüpfe sie mit modernen Theoretikern und Klinikern wie J.D. Lichtenberg, D.N. Stern, R.D.Stolorow, F. Basch usw.
Der kundige Besucher dieser Homepage weiss nun, in welcher Richtung hier gearbeitet wird. Wer in dieser Richtung noch wenig Kenntnisse und Erfahrung hat, dem sei hier ein kurzer Abriss unserer Arbeit und unserer spezifischen psychoanalytischen Auffassung gegeben. Damit will ich hier ganz klar eine Abgrenzung des theoretischen und klinischen Rahmens geben, der das Wesen unserer Arbeit verdeutlicht.

 

Eine Philosophie wirksamer Psychotherapie

Psychische Grundbedürfnisse des Kindes nach Sicherheit, Nähe, Zuverlässigkeit, Zugehörigkeit, Kommunikation und Wertschätzung, nach Selbstverwirklichung und nach Exploration, nach Körperkontakt, Stimulation und Abgrenzung bilden die motivationale Basis für ein gesundes Leben.
Sie schützen, wenn erfüllt, vor Trennung und Ausschluss, vor kindlicher Pein, vor Scham und Schmerz, vor panischer Angst und psychotischer Fragmentierung.

Aber der Mensch ist immer gefährdet. Das Leiden am Unverstandensein, am Verkanntsein, an Ausbeutung und Verachtung, an Misserfolg, unter Ausschluss und Unrecht, Bedrohung und Gewalt, macht ihn zum tragischen Menschen.
Sogar die Freudsche Behauptung vom endogenen Kastrations- und Ödipuskomplex sind Bedrohungen für die Entwicklung eines Kindes.

Diese objektive Realität, die immer eine intersubjektive und eine subjektive Erfahrungsbasis hat, bildet die Erlebniswelt des Einzelnen in seiner intrapsychischen Struktur ab. Sie konstituiert dort in immer neuen Variationen die Interaktionsgrundformen, mit denen ein Mensch agiert und reagiert. Diese Realität wird von der Selbstpsychologie anerkannt. Sie deutet reale, erfahrene offene oder subtile Brutalität und Identitätsverbote nicht als blosse Fantasie oder als Ausformungen von Triebderivaten.

Sie nimmt das Leiden an der Gesellschaft unter objektiv sozialgestörten, offen oder verdeckt diktatorischen Institutionen ernst (Familie, Schule, Arbeits-, Sozial- und Wirtschaftsleben, Militär, Politik usw.) und arbeitet mit dem Instrument der Empathie, dem positivierenden therapeutischen Milieu und der umwandelnden Verinnerlichung; ausserdem reflektiert sie den intersubjektiven Prozess und das Umfeld, innerhalb dessen die Analyse stattfindet, lässt sich kritisch hinterfragen und unterscheidet sich dadurch praktisch und theoretisch von der orthodoxen Psychoanalyse.

Empathie als Allgemeines Beziehungsmodell
Heinz Kohuts bedeutsamstes Instrument ist die Empathie, die verbunden mit der Introspektion des Analytikers die Möglichkeit bietet, den Patienten optimal zu verstehen. Der Analytiker greift dabei zurück auf eigene vergleichbare Erfahrung und überprüft fortlaufend die Güte seiner Einfühlung durch Rückfrage und Vergewisserung: Er muss wie die Mutter mit dem Säugling eine affektive und kognitive Einstimmung herstellen, um eine optimale therapeutische Kommunikation herzustellen. Aus dieser Voraussetzung ergibt sich ein allgemein gültiges Kommunikationsmodell, nach dem alle Beziehungsformen funktionieren oder scheitern:



Dieses Modell erklärt, wie sehr der Empathieabbruch, das "Sich-Zurückziehen" vom Anderen die Kommunikation zum Entgleisen bringt. Die in Schema 1 gezeigte Darstellung einer geglückten, fliessenden und gegenseitigen affektiv-kognitiv erfüllten Kommunikation ist gekennzeichnet durch ungestörtes Kommunizieren auf der oberflächlichen und auf der Tiefendimension der Verständigung. Jeder Gesprächspartner kann den andern in seiner affektiven Tiefe (Kern) erreichen und ihn zugleich durch Introspektion auch aus seinem (des Partners) Standpunkt spüren. Es ist ein Modell der gelungenen Empathie, jeder kann sich und den Andern in seinem Sosein erkennen, sein Selbstempfinden nachvollziehen und gelten lassen. Im Sinne Lichtenbergs wird so das Motivationssystem der Bindung gegenseitig in Aktion gesetzt, was eine gegenseitige affektiv-kognitive Einstimmung ermöglicht. Im Gegensatz dazu zeigt das Schema 2 Das Modell des Rückzugs, der immer dann stattfindet, wenn ein Partner sich unverstanden, verkannt, verletzt, zurückgewiesen, geringgeschätzt usw. fühlt. Es wird damit eigentlich die Frage beantwortet: Was genau zieht sich dann zurück, wenn ein Partner "sich vom andern zurückzieht"? Die Antwort: die Empathie wird zurückgenommen, statt dessen wird eine "Mauer" hergestellt, die die Empathie des Andern abprallen lässt. Der Verletzte will gar nicht mehr, dass der Andere ihn erreicht in seinem Kern, sondern er will, dass bereits an der Peripherie des eigenen Selbst der Andere mit seinem Empathie- oder Angriffs-Versuch abprallt und scheitert. Es ist im Sinne Lichtenbergs die Mobilisierung des aversiven Systems, durch das ein Grundbedürfnis nach Abgrenzung und Abwendung in erster, oft noch nicht als Aggression erkannter Form zur Ausführung kommt. Der Partner stimmt sich auf diesen aversiven Modus sofort ein und reagiert daher selbst ebenfalls aversiv. Beide erreichen einander nicht mehr und wollen auch nicht erreicht werden, da sie sich beide vom andern verletzt fühlen. Die Kommunikation ist entgleist. An Stelle der ausgesandten Empathie wird diese nach ihrem Abprallen an der Peripherie des Andern auf das eigene Selbstempfinden gerichtet und die gesamte Sensibilität dem eigenen verletzten Selbst zugewandt (Empathie-Introjekt).

In diesem Zustand nimmt jeder nur seine eigene Verletzung wahr und kann die Verletztheit des Andern gar nicht mehr spüren. Im Gegenteil: in diesem Zustand will man vom Standpunkt des Andern gar nichts mehr wissen. Wie es dem Andern ergeht, das interessiert schon gar nicht mehr. Man isoliert den Andern vom eigenen Wahrnehmen, schmollt in Selbstmitleid und straft den Andern damit. Der Andere soll sich erst entschuldigen usw. Durch diese Erwartung auf beiden Seiten erfolgt eine Kommunikationsblockade, welche erst aufgehoben wird, wenn es der eine Partner nicht mehr aushält in seiner Isolation und deshalb wieder die Nähe sucht. Aber erst die Wiederherstellung der gegenseitigen Empathie ermöglicht die Rückkehr zur fliessenden und die Selbst-Integrität beider Kommunikationspartner wieder herstellenden Einstimmung im Bindungssystem.

Empathie in der Psychotherapie
Es ist klar, dass dieses Modell für die Psychotherapie von entscheidender Bedeutung ist. Der therapeutische Prozess funktioniert nach diesem Modell, wie alle Kommunikationsformen. Dabei gehört es zum speziellen Werkzeug des Analytikers, die psychischen Störungen nicht nur in den einzelnen Motivationssystemen und Interaktionsgrundformen aufzusuchen, sondern auch, sie im therapeutischen Prozess zwischen Therapeut und Patient zu erkennen, wenn die Störungen sich als Empathiestörungen erweisen: Die psychischen Störungen sind alle mit Empathieabbrüchen verbunden, weshalb diese sich auch in der Psychotherapie unweigerlich zeigen werden. Dem besten Therapeuten wird es passieren: Irgendwann versteht er den Patienten nicht richtig, und dieser reagiert mit einer biografisch erworbenen Interaktionsgrundform und ein grundlegender biografisch bedeutsamer Konflikt zeigt sich in der Beziehung zwischen Therapeut und Patient. Im Wechselspiel von Übertragung und Gegenübertragung wird es zur wichtigen Aufgabe des Therapeuten, den Empathieabbruch mit dem Patienten zu bearbeiten und die Empathie wiederherzustellen. Nur wenn dies gelingt und der Patient wieder Vertrauen fassen und sich verstanden fühlen kann, ist eine Weiterführung der Therapie möglich.


Motivationssysteme und Charakterstruktur
Die praktische Analyse, sei es eine Gesprächsanalyse oder eine Imaginations-Therapie, orientiert sich selbstpsychologisch an den von J. Lichtenberg und seinen Mitarbeitern eingeführten fünf Motivationssystemen sowie an dem bevorzugten Habitus, der allgemein das typische Reagieren auf Angst die Interaktionsgrundformen bestimmt. Ich führe im folgenden die im ersten Band meines Lehrbuches weit ausgeführte Theorie von Schultz-Hencke/ Riemann mit jener neuesten Theorie der Motivationssysteme zu einem gut operationalisierbaren praxisnahen System zusammen.
Die Analyse lässt sich unschwer nach der biografischen Arbeit am Schicksal der Regulationsformen aufschlüsseln: Die Formen der Regulation des Selbstgefühls in den verschiedenen Bereichen der Motivation erfahren je nach individueller Lebenserfahrung zum Teil typische, zum Teil sehr unterschiedliche Schicksale. Die Praxis der Psychotherapie und der Analyse fördert diese Schicksale ins Bewusstsein der Analysanden. Dies ermöglicht die Arbeit an den einzelnen Verhaltens- und Interaktionselementen: Der Umgang mit der Angst führt zu typischen Verhaltensstilen, die als Charakterstrukturen bekannt sind und eine Basis psychischer Störungen enthalten. Eine Störung der psychischen Entwicklung wird immer in verschiedenen Motivationssystemen (wenn nicht in allen) anzutreffen sein und ist von typischen reaktiven Interaktionsformen begleitet.
Zum Beispiel kann ein depressiver Patient Defizite in den Systemen Bindung, Exploration und Aversion aufweisen. Er kann also aufgrund seiner Lebenserfahrung seine Bedürfnisse nach Sicherheit, Zugehörigkeit, Wertschätzung usw. nicht oder nicht gut umsetzen, er hat den Mut nicht, sich seine Umwelt anzueignen, sich ihr explorativ zuzuwenden, sondern bleibt zurückhaltend und isoliert und zugleich kann er sich weder durchsetzen, und er kann ihm unangenehme Zuwendung oder Aufforderung von Aussen nicht abwehren und nicht nein sagen, sich nicht abgrenzen. Die Kombination der Regulations-Schicksale in diesen drei gestörten Motivationssystemen ergibt eine typisch depressive Verhaltensform, die sich den einzelnen Systemen überlagert und den Patienten nach aussen hin "depressiv" erscheinen lassen. "Unter" der Depression sind nun zuerst die einzelnen Störungen der Motivationssysteme zu verstehen und zu verarbeiten, bevor sich die Depression auflöst.



Das Selbstsystem (modifiziert von W. Disler, nach. Lichtenberg/Riemann)
Die Arbeit setzt in der biografischen Aufarbeitung der erworbenen Störungen im Bindungsystem, im Explorationssystem und im Aversionssystem an. Das erlaubt dem Patienten während der Analyse Einblick und Verständnis in seine durch Lebenserfahrung strukturierte Innenwelt und seine entsprechenden Verhaltens- und Interaktionsgrundformen. Diese Art der Analyse, deren oberstes analytisches Instrument die Empathie ist, erweist sich in der Praxis nicht nur als für den Patienten äusserst wirksam, sondern auch für den Analytiker als "benutzerfreundlich" (J. Lichtenberg et al., 2000). Ohne dogmatische Methodeneinengung ist somit ein sehr kreatives Arbeiten mit den grundlegenden psychischen Systemen möglich, das auf alle Formen psychischer Störungen anwendbar ist.

 

Wurzeln der Selbstpsychologie
Heinz Kohut hat seinen selbstpsychologischen Beitrag als eigenständig bezeichnet. Er hat auch in seinen Veröffentlichungen kaum auf ihm verwandte Vorgänger hingewiesen. Das hat ihm harsche Kritik eingebracht, insbesondere, er habe bei andern Theoretikern Anleihen gemacht, ohne diese Quellen namentlich zu nennen. Kohut erklärte dies mit seiner von diesen Vorgängern abweichenden Technik. Balint, Winnicott usw. hätten ihre Ergebnisse und Begriffe aus anderem technischen Vorgehen erschlossen als er, Kohut. Seine introspektiv-empathische Methode wollte er durch keine Vermischung mit Theoriebegriffen, die aus anders erhobenen Forschungsresultaten stammten, belasten. Diese Erklärung finde ich akzeptabel. Aus heutiger Sicht aber können wir nicht daraum herum kommen, Kohuts Ergebnisse mit jenen Eingangs erwähnten Theoretikern und Praktikern zu vergleichen. Bei all diesen bestehen sehr grosse Übereinstimmungen. Auch wenn Kohut sich gegen seine Vorläufern abgrenzte, so ist kaum anzunehmen, dass er von ihrem Einfluss völlig frei blieb.
Die ursprüngliche historische Linie der Kohut’schen Selbstpsychologie, bis hin zu Stolorow und Lichtenberg et al., sehe ich ausgehend bei Sandor Ferenczi. Er hatte schon früh Freuds starre Haltung in der psychoanalytischen Behandlung kritisiert und hat aufgrund seiner klinischen Erfahrung eigene Vorschläge gemacht, die allesamt Vorwegnahmen der späteren empathischen Behandlungstechniken waren. Er nahm insbesondere die Empathie in der Grundhaltung des Analytikers vorweg und stellte sie der „Fühllosigkeit des Analytikers“ gegenüber (im Klinischen Tagebuch). Er sprach im damaligen Sprachgebrauch von der „,mutuellen Analyse“ und nahm so die Intersubjektivität vorweg.
Ferenczi vertrat ausserdem die Überzeugung, dass seine Patienten und Patientinnen unter realer Traumatisierung litten, und stellte Freuds Reduktion des Traumas auf Fantasien in Frage. Er kritisierte die autoritäre Haltung Freuds und wurde dafür von Freud bestraft durch Ablehnung, Veröffentlichungsverbot und durch Freuds pathologisierende Diagnosen. Dennoch gelang es Freud nicht, Ferenczi völlig zu unterdrücken, denn es blieben Ferenczi treue Schüler, die sein Werk weitertrugen, angefangen mit Michael Balint.

Parallelen zwischen Ferenczi und Kohut
Ferenczi schrieb es in seinem Klinischen Tagebuch unmissverständlich: Er wurde zum Opfer seiner Hingabe an Freud. Freud wollte er als seinen Beschützer und Förderer hinter sich wissen. Der aber interessierte sich für Ferenczis Ideen immer weniger, konnte nicht die geringste Empathie für Ferenczi aufbringen. Dieser wusste, wie er im Klinischen Tagebuch schrieb, dass er zwischen Tod und eigenem Weg zu wählen habe. Es schmerzte ihn zutiefst, dass Freud, das Vater-Surrogat, sich ihm vollständig verweigerte. Ferenczis Diagnose war eine tödliche Blutkrankheit – wie jene Kohuts, der an Blutkrebs starb. Beide formulierten ihre von Freud abweichenden Ansichten um so deutlicher, je näher sie dem Tode waren.
Muss man eine grössere Angst – die Todesangst – entwickeln, bevor man die Angst, einer Autorität radikal zu widersprechen, überwinden kann? Beide, Kohut und Ferenczi sprachen vom tragischen Menschen. Und beide wussten, sie sprachen nicht nur über ihre Patienten oder die Menschen allgemein, sondern sie sprachen zutiefst auch für sich. In gewissem Sinne hat Freud beide auf dem Gewissen.

Es würde neue Aspekte ergeben, wenn bedeutende historische Persönlichkeiten der Psychoanalyse unter diesem Gesichtspunkt der kränkenden Ausgrenzung aus dem hermetischen Zirkel der orthodoxen Psychoanalyse betrachtet würden. Es sind eine ganze Reihe weiterer Forscher und Therapeuten bekannt, die unter Freuds Ausschluss gelitten und entweder jämmerlich zu Grunde gegangen sind oder ihre Rettung in einer eigenen Schulgründung suchen mussten. Ich denke zum Beispiel an Wilhelm Reich oder Fritz Perls. Darin kommt zum Ausdruck, was Kohut zur Formulierung des "tragischen Menschen" brachte: Dass in der Zunft der orthodoxen Psychoanalytiker jene Mechanismen massgebend wirken, die sie aufzuheben vorgaben: das projizierende Sündenbockdenken, das Prinzip "Wir - und die da" (wie es Ruth C. Cohn nannte). In der akademischen Psychologie, wie sie von Klaus Grawe dargestellt wurde, geschieht dasselbe. Grawe räumt in dem Buch "Von der Konfession zur Profession" (Grawe/Donati/Bernauer, 1994, Göttingen: Hogrefe) auf Seite 735 kurzerhand und ziemlich undifferenziert 33 verschiedene Therapieformen vom Tisch und stellt dafür vor allem die eigene, von ihm vertretene Methode als die eigentliche und wissenschaftliche Therapie hin. Ein Grossteil der weltweit geleisteten Psychotherapiearbeit wird entwertet und ausgegrenzt, nur weil die von Grawe aufgestellten Kriterien der Wirksamkeitsnachweise nicht geleistet wurden. Die gesellschaftlich wirksamen aggressiven Ausgrenzungsmethoden der akademischen oder anderweitigen Machtzentren werden als solche - ausgerechnet von Psychologen - kaum reflektiert.

John Bowlby, ein weiterer von der offiziellen Psychoanalyse Ausgeschlossener
John Bowlby wurde vom Mainstream der Psychoanalyse zunächst kaum zur Kenntnis genommen und erst wieder von der modernen psychoanalytischen Säuglingsforschung entdeckt. Er hatte sich dem realen Säugling zugewandt und die Realität der Traumatisierung bestätigt. John Bowlbys Forschungen stimmen weitgehend überein mit jenen der modernen Säuglingsforschung und seine Theorien sind ohne weiteres mit jenen der Selbstpsychologie kompatibel und werden von dieser bestätigt. Die Schüler John Bowlbys (bes. M. Ainsworth und M. Main u.a.) haben umgekehrt äusserst fruchtbare Bestätigungen der Selbstpsychologie erbracht. Aus diesen Gründen ist eine integrative und fruchtbare Zukunft der Selbstpsychologie nicht mehr zu denken, ohne Einbezug der Bindungstheorie.

Wie kam Werner A. Disler zur Selbstpsychologie?
Zunächst befasste ich mich intensiv mit Psychosentherapie, wobei mir besonders die folgenden AutorInnen imponierten: John N. Rosen, Frieda Fromm-Reichmann, C. G. Jung, Harold F. Searles, Gisela Pankow, Franco Basaglia, Ronald D. Laing, Marguerite Sechehaye, Harry S. Sullivan, Jan Foudrain und last but not least Gaetano Benedetti.

Es ist mein besonderes Anliegen, die unaufgearbeitete Trennung zwischen Freud und Jung genauer zu untersuchen und zu zeigen, wie die moderne Psychotherapie fast alle Neuerungen Jungs trotz Freuds Ablehnung aufgenommen hat. Die orthodoxe psychoanalytische Behandlungsmethode kam mir gegenüber den Ansätzen Jungs und der oben angeführten AutorInnen stets als Rückschritt vor.

Alle diese sehr erfahrenen Praktiker arbeiteten mit Methoden, die weit über das enge psychoanalytische Setting hinausgingen und bewiesen, dass psychotische Menschen damit erreicht und therapiert werden können. Damit wurde die Freud’sche Behauptung, „narzisstische Neurosen“ könnten auf psychodynamischem Wege nicht geheilt werden, widerlegt. Die auch heute noch immer wieder monierte Phrase von der negativen therapeutischen Reaktion (die auf Freud zurückzuführen ist, in: Der Wolfsmann, 1918) oder die sogenannte Therapieresistenz entlasteten die Therapeuten klassischer Methode von ihrem Anteil am Scheitern der Therapien.

Die oben angeführten AutorInnen aber befassten sich eben gerade mit den „Nichttherapierbaren“ und verwiesen diesen Begriff ins Reich der psychoanalytischen Mythen. So fand ich bald die Kongruenz zwischen jenen PsychosentherapeutInnen und der von Freud abgelehnten psychoanalytischen Entwicklung, die von Ferenczi ausging und heute in der Selbstpsychologie ihre schönsten Blüten treibt.

Werner A. Dislers analytische und selbstpsychologische Imaginations-Therapie (IT)
Schon um 1975 hat Werner A. Disler in seinen Vorlesungen zur Psychoanalyse an der Akademie für Angewandte Psychologie, Zürich, die Begriffe "Interaktionsgrundform", "Interaktionsgestalt" und "Interaktionsbühne" eingeführt. Unter "Interaktionsgrundform" versteht er die affektiv-kognitiven Kernerfahrungen, welche für die Bildung von Verhaltens- und Charakterstruktur unabdingbare Voraussetzung sind. Sie ist ein Urmuster oder Urmodell für die späteren Selbstempfindungs- und Verhaltensabläufe, ebenso wie für die Entstehung eines Bildes oder Konzeptes des eigenen Selbst (Selbstrepräsentanz). Aus ihr gehen die Interaktionsformen hervor, die alle ihre eigene "Gestalt" haben, weshalb der Begriff der "Interaktionsgestalt" für die Bezeichnung der konkreten Verhaltensabläufe gewählt wurde. Die "Interaktionsbühne" ist der imaginäre "Ort", das Feld oder der Hintergrund, auf dem sich das fantasierte Probehandeln (wie im Traum) konkret abspielt. Es ist der realen Handlung vorgeordnet. In der Imaginations-Therapie werden die solchermassen auf die Interaktionsbühne evozierten Handlungsmodelle aufgesucht und therapeutisch bearbeitet.
Die Verwandtschaft dieses Modells mit dem später von J. D. Lichtenberg ausgearbeiteten Konzept der "Modellszenen" ist offensichtlich und deshalb problemlos in die Theorie und Praxis der selbstpsychologischen neuen Psychoanalyse zu integrieren.

26. März 2011

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